Alte
Sagen
aus Tilsit und Umland
DER SCHLOSSVOGT
Auf dem runden Schlossberge über Tilsit hart am Ufer der Memel
hüteten Hirtenknaben aus dem Kämmereidorfe Altpreußen ihr Vieh
und standen betrachtend an einer recht in der Mitte
des Berges tief in die Erde hinab gehenden Öffnung,
erzählten auch einander dies und das,
welche Bewandtnis es mit diesem unergründlichen Loche habe:
dass vor alten Zeiten hier oben ein Schloss gestanden voll unermesslicher Schätze,
dessen tiefen Graben und doppelte Wälle man noch erkenne;
dass dieses Schloss in einer Nacht plötzlich versunken sei,
und das Loch sei der bis zur Bergeshöhe heraufreichende Schornstein;
bisweilen lasse sich der Schlossvogt sehen,
ein altes graues Männchen mit schneeweißen Haaren.
Und da wurden die Hirtenknaben sehr neugierig,
wie tief diese Höhle sei und ob sich nichts aus ihr erlangen lasse.
Sie schleppten ein Seil herbei und banden den jüngsten ihrer Schar,
so sehr er sich auch sträubte und schrie, daran und ließen ihn hinunter.
Das Seil war zweimal so lang wie der Kirchturm der deutschen Kirche in Tilsit
und hing immer noch straff,
obgleich sie schon längst das Schreien ihres Gefährten nicht mehr hörten.
Endlich ward es leicht und krümmte sich, jener hatte also den Grund erreicht.
Sie riefen hinunter - alles blieb still; sie warteten lange und bange -
endlich zogen sie das Seil herauf es war leicht und - leer.
Voll Angst liefen nun alle vom Berge,
und am andern Morgen wagten sie sich nicht wieder zum Schlossberggipfel.
Noch trieben sie unschlüssig auf der Straße, siehe,
da kam der Knabe, den sie gestern in den Berg hinab gelassen,
ihnen munter entgegen. Seine Taschen und seine Mütze waren voll Gold,
und er erzählte nun seinen Kameraden,
die ihn neugierig umringten, was ihm geschehen war.
Ich kam, erzählte er, in eine große Küche,
darinnen funkelte es rings von prächtigem Geschirr und Geräte.
Und da kam ein altes graues Männchen, das muss wohl der Schlossvogt gewesen sein,
das grüßte mich freundlich und sagte: Das ist hübsch von dir,
dass du mich auch einmal besuchst, habe nur nicht Bange,
und band mich los vom Strick und führte mich durch das Schloss
von einem Zimmer in das andere, da lag alles voll Gold und Schätze.
Hernach wurde ich müde, da führte mich der Schlossvogt zu einem schönen Bette,
darin schlief ich prächtig.
Heute morgen kam das alte Männlein, als ich gerade ausgeschlafen hatte,
an mein Bette, hieß mich aufstehen,
füllte mir Mütze, Taschen und Hände voll Gold und sagte:
Das sollst du vom Schlossvogt verehrt erhalten!,
dann brachte er mich an ein enges Tor, schloss es auf und hieß mich hinausgehen.
Wie ich draußen war, war ich im Tale, und wie ich mich umsah,
war das Tor mitsamt dem Schlossvogt verschwunden.
Die Hirtenknaben verwunderten sich über diese Erzählung sehr.
Sie beneideten ihren Kameraden um sein vieles Geld,
dazu sie ihm doch eigentlich wider seinen Willen verholfen,
und meinten, einen kürzeren Weg als durch den Schornstein hinab
in das Goldschloss und zu Geld zu gelangen gäbe es auf der Welt nicht.
Sie eilten daher auf den Berg, so schnell sie konnten, losten,
welcher von ihnen zuerst hinab gelassen werden solle, und den das Los traf,
den ließen sie hinunter unter Bedingung der Teilung dessen, was er empfangen würde.
Richtig kam das Ende des Seils wieder leer herauf,
und am andern Morgen gingen sie erwartungsvoll dem Kameraden entgegen.
Aber er kam nicht und soll noch heute wiederkommen.
Seitdem hat es keinen wieder gelüstet, in die Tiefe hinab gelassen zu werden.
Quelle: Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch, Leipzig 1853
DER OPFERSTEIN AUF DEM ROMBINUS
Bei der Stadt Ragnit an der Memel, aber drüben jenseits des Flusses,
erhebt sich ein bewaldeter und zerklüfteter Berg, der heißt Rombinus.
In Vorzeiten stand auf ihm das berühmteste und größte Heiligtum
der Litauer mit einem riesigen Steinaltar, auf welchem dem Gotte Potrimpos
seine Opfer dargebracht wurden.
Der Gott selbst sollte diesen Stein an jenen Ort gelegt
und unter denselben eine goldene Schüssel
und eine silberne Egge begraben haben,
weil er der Gott der Fruchtbarkeit und der Ernte war.
Da war des Opferns auf dem Rombinus kein Ende,
und die Sage ging schon damals, solange der Stein auf dem Berge liege,
werde Litauen in Glückesblüte stehen, würde aber der Stein hinweggerückt,
so werde der Berg selbst einstürzen und Unglück das Land heimsuchen,
und diese Sage ging von einem Jahrhundert in das andere,
als längst keine Opfer mehr auf dem Rombinus gebracht wurden.
Da kam - im Jahre 1811 soll es geschehen sein -
ein deutscher Müller nach dem Dörfchen Barten
(Bardehnen) nordöstlich vom Rombinus,
der wollte zwei neue Windmühlen anlegen
und suchte in der Gegend umher nach festen Steinen.
Da kam er auch auf den Rombinus,
und der Opferstein dünkte ihm bass geeignet zu seinem Werke.
Allein die Umwohner sagten ihm, diesen Stein dürfe er nicht wegnehmen,
von dem hange das Glück des Landes ab.
Der Müller sagte den Leuten,
dass sie noch im heidnischen Aberglauben befangen seien,
ging zum Landrat und ließ sich die Erlaubnis schriftlich geben,
den Stein wegnehmen zu dürfen. Diese erhielt er,
denn der Landrat wollte nicht minder aufgeklärt sein
wie ein deutscher Windmüller.
Aber siehe da, die Erlaubnis half erst recht nichts,
denn es rührte kein Arbeiter ringsumher eine Hand,
auch nicht um den reichsten Lohn, den der Müller bot.
Jetzt musste der Müller erst im Lande herumreisen,
sich herzhafte und nicht abergläubische Leute zu suchen.
Endlich fand er nach langer Mühe drei kecke Gesellen, die erboten sich,
den Stein zu sprengen und vom Berge wegzuführen,
es war aber keiner von ihnen aus der Nähe des Rombinus.
Einer war aus Gumbinnen, der zweite aus Tilsit
und der dritte aus Altpreußen bei Tilsit.
Jetzt gingen die vier Männer zum Rombinus hinauf und begannen die Arbeit.
Der Müller tat den ersten Schlag auf den Stein,
da fuhren zwei Splitter davon, die schossen ihm in die Augen,
dass er alsbald erblindete und blind blieb sein Lebelang;
vielleicht, dass er noch am Leben ist.
Der Geselle aus Tilsit krallte sich beim zweiten Schlag,
den er tat, den Arm so stark, dass ihm die Markröhre zersprang
und er einen dritten Schlag nicht tun konnte.
Aber den beiden andern Gesellen geschah nichts, sie ließen sich auch nicht warnen,
überwältigten den Stein und schafften ihn vom Berge herab.
Als aber der Gumbinner Geselle nach getaner Arbeit wieder in seine Heimat wanderte,
hat er diese nimmer erreicht und ist elendiglich am Wege hinter einem Zaun verstorben.
Die goldene Schüssel und die silberne Egge, von der die Sage ging,
hat keiner gefunden. Seit der Stein hinweg war,
begann der Memelstrom am Berge zu arbeiten und zu nagen und ihn zu unterhöhlen,
und im Jahre 1835, im September,
geschah nachts ein donnerähnliches Krachen
und war ein großes Stück des Rombinus eingestürzt,
und viele fürchteten, es werde noch mehr einstürzen
und die alte Unglücksprophezeiung sich erfüllen.
Quelle: Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch, Leipzig 1853
Das fischreiche Schloss bei Ragnit
Nicht weit von der Stadt Ragnit an der Memel
hat vor Zeiten ein Schloss gestanden,
welches sehr fest war
und von den heidnischen Preußen als der letzte Zufluchtsort
gegen die benachbarten Russen gehalten wurde.
Viele Jahre vor Ankunft des Deutschen Ordens
hatten einst die Russen mit großem Volk
einen Überfall in Preußen gemacht;
sie hatten die Preußen geschlagen
und in dieses Schloss zurückgetrieben.
Sie belagerten es nun neun Jahre lang
und hatten es so fest eingeschlossen,
dass keine Maus, geschweige denn ein Mensch,
heraus oder hinein konnte.
Dennoch konnten sie es auf keine Weise erobern.
Da gingen sie endlich an die Mauer heran
und fragten die Preußen,
wovon diese denn die ganzen neun Jahre gelebt hätten?
Es wurde ihnen geantwortet,
es wäre ein Teich im Schloss, der wäre so fischreich,
dass die Belagerten alle sich davon ernähren könnten.
Darauf sahen die Russen ein,
dass sie nichts ausrichten können,
und sie hoben die Belagerung auf und zogen ab.
Der Teich ist noch unweit von Ragnit,
aber es sind keine Fische mehr darin,
sondern nur Frösche und Kröten,
und die Litauer sagen:
das sei so, seitdem bloß Christen im Lande wären.
Quelle: Auszug aus: Ostpreußische Sagen.
Herausgegeben von Christa Hinye und Ulf Diederichs. 3. Aufl., München: Diederichs, 1991.