GEDICHTE 


 

Max von Schenkendorf

geb. 11. Dez. 1783 in Tilit

gest. 11. Dez. 1817 in Koblenz

 

 

Muttersprache

 

Muttersprache, Mutterlaut

wie so wonnesam so traut!

Erstes Wort das mir erschallet,

süßes erstes liebes Wort,

erster Ton, den ich gelallet,

klingest ewig in mir fort.

 

Ach, wie trüb ist meinem Sinn,

wenn ich in der Fremde bin,

wenn ich fremde Zungen üben,

fremde Worte brauchen muss,

die ich nimmermehr kann lieben,

die nicht klingen wie ein Gruß!

 

Sprache, schön und wunderbar,

ach, wie klingest du so klar!

will noch tiefer mich vertiefen

in den Reichtum, in die Pracht,

ist mirs doch als ob mich riefen,

Väter aus des Grabes Nacht.

 

Klinge, klinge fort und fort,

 Heldensprache, Liebeswort,

steig empor aus tiefen Grüften,

längst verschollnes altes Lied,

leb aufs neu in heilgen Schriften

dass dir jedes Herz erglüht.

 

Überall weht Gottes Hauch,

heilig ist wohl mancher Brauch;

aber soll ich beten, danken

geb ich meine Liebe kund,

meine seligsten Gedanken

sprech ich wie der Mutter Mund.

 

 

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Einen kurzen Auszug aus Gedichte von

Johanna Wolff,

die in die Meerwischer Volksschule in Tilsit

gegangen ist.

 

siehe auch:

 http://sites.google.com/site/hannekenjohannawolff/


Johanna-Wolff

 

Johanna Wolff war eine bekannte Dichterin im Tilsiter Raum. Sie war das Kind armer Eltern.  Ihr Vater war Schuster, besaß aber kein Sitzfleisch und begab sich immer wieder auf Wanderschaft. Seine Frau ließ er mit dem einzigen Kind unversorgt allein zu Hause. Die Mutter musste sich mit Waschen und Bügeln das tägliche Brot verdienen. Ja mehr noch. Oft kam der Vater bettelarm, hungrig mit zerschlissenen Kleidern nach Hause.  und ließ sich von seiner Frau  wieder gesund und satt pflegen. Danach zog es ihn wieder in die Ferne.

Schon als Kind hatte Johanna ihre Mutter verloren. Sie wurde  von der Fürsorge zu einer Pflegemutter vermittelt, die Johanna nur wegen des zusätzlichen Geldes aufnahm. Sie war sehr streng zu dem Kind. Zu Essen bekam sie wenig. Ihre Klassenlehrerin nahm sie oft zu sich nach Hause, damit sie ihr beim Haushalt zur Hand gehen konnte.  Dafür bekam sie dann von ihr immer genug und immer etwas besonders Leckeres zu essen. Als sie älter  wurde, lernte sie einen jungen Pfarrer kennen, der sie nach Memel zu seiner Frau und den Kindern brachte. Er setzte sich für sie ein und sorgte dafür, dass sie Krankenschwester werden konnte. Im Krankenhaus kernte sie einen viel jüngeren Mann kennen, der sie gegen den Willen seiner Eltern heiratete. Es war eine beiderseitige große Liebe. Die Ehe blieb Kinderlos. Ihr Mann war der Sohn eines einflussreichen Kaufmanns in Hamburg. Sie gewöhnte sich nur schlecht an den Standesdünkel, der ihr in dieser Familie beschieden war, aber die Liebe zu ihrem Mann gab ihr immer wieder Kraft. Und schließlich entdeckte sie auch ihre Liebe fürs Schriftstellerische.


 

  

Mäusetänzchen

In der stillen blauen Nacht,
wenn das Kindchen nicht mehr wacht,
kommt ein Mondenscheinchen,
sieht die blanken Beinchen
und lacht.

Wie ein kleiner Wonnekloß
liegt das Kindchen nackt und bloß;
schlüpft ein junges Mäuschen
aus seinem Knusperhäuschen,
so groß.

Schleicht das Mäuschen sachte, sacht
durch die stille, blaue Nacht;
mit dem Ringelschwänzchen
hat's ein Mäusetänzchen
gemacht.




Volksweise

Und die Zwiebel braucht Sonne
und der Kürbis braucht Licht,
und der Himmel braucht Sterne,
sonst sieht man ihn nicht.

Und die Wiese braucht Gräser
und der Stein braucht den Stein,
und der Mensch braucht den Menschen
um glücklich zu sein.

Und der Kürbis und die Zwiebel
und die Sonne und die Stern
geh'n alle miteinander
und haben sich gern.

Nur der Mensch lässt sein Liebchen
wohl im Kummer allein.
Und die Zwiebel schafft Tränen,
und das soll wohl so sein.





Charlotte Wüstendörfer, geb. 1892,

in Ostpreußen, Heimatdichterin,

schrieb nach dem

ersten Weltkrieg(1914-1918) folgendes Gedicht, angeblich als Warnung vor

einem neuen Krieg. Als Kind habe ich es in der Schule gelernt. Unbefangen und

nur zu gern trug ich es vor, nicht ahnend, dass sein böses Omen bereits an die

Tür Ostpreußens pochte.



Der Wächter von Schillen

Der Wächter von Schillen blies Mitternachtsstund'.
Da trat ein kleines Männlein aus dem Schattengrund.
"Pfeif dreizehn", sprach es und ließ ihm keine Ruh',
es kam jede Nacht und es bat immerzu.
Und als er geblasen zum dreizehnten Mal,
drei Särge standen im Nebelstrahl.

Der erste, der war von Blut so rot.
"Ach, kleines Männlein, sag, deutet das meinen Tod?"
"Ach, Wächter, dein Blut, das hüllt ihn nicht.
Ach Wächter, dein Blut, das füllt ihn nicht.
Das ist das Blut von vielen tausend Reiterlein,
die müssen nach Russland und Frankreich hinein.
Das ist das Blut von Tausenden Frauen und Knaben,
die werden die Füchse und Krähen begraben."

Der zweite, der war voll Wassers rein.
"Ach Männlein, wird das ein böser Schaktarp sein?"
"Ach, Wächter, Memelwasser ist im Frühling kalt wie Eis,
das rinnt nicht so bitter und salzig und heiß.
Das sind der Witwen Tränen um das vergossene Blut,
der Heimatlosen Tränen um das verlorene Gut,
um das blöckende Vieh, das auf der Straße stirbt,
um den Weizen, den der Feind in der Scheuer verdirbt."

Der dritte war so leer, darin war nichts zu sehn,
kein Leichentuch, kein Kissen von Sägespän.
"O kleines Männlein, sage, wer soll denn da hinein?"
"Das wird der Wohlstand eines ganzes Landes sein.
Was lebenslang ihr schafftet mit Fleiß und mit Treu',
und dein Hof und dein Gut, die sind auch dabei,
und dein Sohn ist dabei. Und du wirst sein Grab nicht sehn.
Und du selbst wirst heimatlos nach Westen betteln gehn."

Der Wächter von Schillen fiel auf sein Angesicht,
er rief den Herrgott an, die Särge schwanden nicht.
Er sprach das Vaterunser, er betete und rang;
das Männlein ward ein Riese, dem vom Mund die Flamme sprang.
Da sah er auf vom Boden und faltete die Hand:
"Gib, dass ich's freudig gebe fürs Vaterland."
Da klangen hell die Glocken vom nahen Kirchelein,
und über Dach und Wiesen glitt der Mondenschein.

 

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Aus Langwethen bei Tilsit stammt die Dichterin

Johanna Voigt, geb. Ambrosius (gest. 1939)

Von ihr stammt folgendes Gedicht:

 

 

 

Sie sagen all, du bist nicht schön,

Mein trautes Heimatland,

Du trägst nicht stolze Bergeshöh'n,

Nicht rebengrün Gewand,

In deinen Lüften fliegt kein Aar,

Es grüßt kein Palmenbaum,

Doch glänzt der Vorzeit Träne klar,

An Deiner Küste Saum.

 

Und gibst dem König auch nicht Erz,

Nicht Purpur, Diamant,

Klopft in dir doch das treuste Herz,

Für's heil'ge Vaterland.

Zum Kampfe lieferst du das Ross,

Wohl Tonnen Goldes wert,

Und Männer stark zum Schlachtentross

Die kräft'ge Faust zum  Schwert.

 

Und wenn ich träumend oft durchgeh',

Die düstre Tannenpracht,

und hoch die mächt'gen Eichen seh,

In königlicher Pracht.

Wenn rings erschallt am Memelstrand,

Der Nachtigallenlied,

Und Ob im fernen Dünensand,

Die weiße Möwe zieht.

 

Dann überkommt mich solche Lust,

Dass ich's nicht sagen kann,

Ich sing ein Lied aus voller Brust,

Schlag froh die Saiten an,

Und trägst Du auch nur schlicht Gewand

Und keine stolzen Höh'n,

Ostpreußen hoch, mein Heimatland,

Wie bist du wunderschön.

 

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