Damals

 

 

Erinnerungen

 



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                                Diese Seite ist der einstigen Stadt Tilsit gewidmet. Der Besucher

            dieser Website erfährt, wie Tilsit entstanden ist, die Einwohner

           hier lebten, den Alltag bewältigten und ihre Stadt im Laufe der

           Jahrhunderte gestalteten und sich auch für sie einsetzten. Das ist

           natürlich eine längere Geschichte, die man nicht auf einmal erzählen

          kann. Deshalb wird sie als Fortsetzung gebracht.

 

 1)        Irrtümlicherweise  hielt sich jahrzehntelang die romantische Geschichte, Tilsit sei aus einem kleinen Fischerdorf entstanden. Zugegeben, das klingt  träumerisch, aber wahr wird  sie  deshalb noch lange nicht. Denn zum Glück gab es schon immer Wissenschaftler, die  sich für die Beschaffung und ständige Veränderung unserer Erde interessiert haben, ihre realistischen Forschungsergebnisse akribisch notierten, um sie dann den nachfolgenden Generationen weiterzugeben.

So wissen wir  heute  auch  ganz genau, wann sich in der Tilsiter  Gegend ab der christlichen Zeitrechnung wieder Leute  ansiedeln  konnten. Denn vor 3000 Jahren gab es  wohl Menschen, die sich dort heimisch niedergelassen  hatten. Aber dann veränderte sich das Land wegen der vielen Wasserläufe zwischen Haff und Memel. Es entstand Sumpfboden auf dem man weder Hütten noch Häuser bauen konnte. So wurde diese Gegend schließlich wüst und leer. Erst als die Kreuzritter 1226 ins Land kamen, wurde es wieder einigermaßen bewohnbar. Die Kreuzritter besaßen nämlich  perfekte Kenntnisse der Landbefestigung und konnten sie hier bestens anwenden. So sorgten sie  für das langsame urbar machen dieser Gegend. Sie bauten  viele Burgen, um sich vor ihren Feinden zu schützen, und siedelten dort Menschen an, die für sie arbeiteten mussten.

   Da es weit und breit noch keine Straßen gab, fand der Verkehr auf dem Wasserwege statt. Die Memel, damals schon ein Grenzfluss nach Litauen  war dazu bestens geeignet. Bald entstand an dem kleinen mehr Bach als Flüsschen Tilse, der in die Memel mündete, ein Markflecken, der sich rasant vergrößerte. Denn genau dieser Ort besaß die beste Anlegestelle  für die Schiffe, die aus fremde Länder hier herkamen, um ihre Waren zu vertreiben.

   Auch eine Burg besaß der Marktflecken Sie wurde unter den Hochmeistern Konrad und Ulrich von Jungingen in den Jahren 1407 bis 1408 als Sitz eines dem Komtur von Ragnit unterstellten Pflegers gebaut.

   Als das Ende der Kreuzritterzeit in Ostpreußen nahte und ihr letzter Hochmeister Johann Albrecht der Ältere zum Lutherglauben überwechselte und Herzog wurde, war es nur noch eine Frage der Zeit, den Marktflecken Tilse zur Stadt werden zu lassen. !

 

    Bereits als Tilsit nur das Recht hatte, sich Marktflecken zu nennen, durften sich  schon die  ersten Gasthäuser ansiedeln Damals nannte man sie Krüge. Der erste Krug wurde  am 8. Juni 1514 vom Hochmeister des Ritterordens einem Georg Brendel beliehen. Das heißt, der Eigentümer war und blieb der Ritterorden. Georg Brendel durfte den Krug lediglich führen. Das Geld, das er dabei  erwirtschaftete konnte er natürlich für sich behalten Er hatte aber jährlich eine festgesetzte Steuer an den Ritterorden zu entrichten.

Einen Krug bekam nur der Bürger beliehen, der sich vorher beim Ritterorden verdient gemacht hatte. Deshalb waren die Krüger bei den Bürgern auch angesehene Leute, die ein gewisses Mitspracherecht besaßen. Starb der Krüger, durften seine Söhne den Krug weiterführen. Hatte er keine,  fiel der gesamte Besitz wieder an den Ritterorden zurück. 

 Erst zwanzig Jahre später, nämlich am ersten September 1534 wurde der zweite Krug mit Gall Klemm beliehen. Insgesamt waren 12 Krüge für Tilsit vorgesehen, die in den Jahren danach entsprechend langsam entstanden.

  

   Zu erwähnen wäre noch, dass im Marktflecken Tilsit auch ein Kloster gebaut wurde, das allerdings nur von 1515 bis 1524 bestanden hat. Es gehörte den Franziskaner Mönchen. Man erzählte sich, dass ein Kreuzritter nicht weit vom Kloster von einem Schiff in die Memel gefallen war und fast ertrunken wäre wenn ihn nicht die Tochter des Schiffbesitzers, die sich zu der Zeit allein auf dem Schiff befand, gerettet hätte. Gott zum Lob und Dank wurde bald darauf das Kloster gebaut, aber in der Reformationszeit 1524 wieder von den Einwohnern des Marktfleckens zerstört.

  

   Drei Einwohnerverzeichnisse von Tilsit aus dem Jahre 1549 sind noch erhalten. Das letzte vom Ende des Jahres, "Verzeichnis alles Einwohner zur Tilse. Das Verzeichnis nennt auch die "Nahmen" der Straßen, nach denen geordnet die Grundeigentümer mit ihren Mietern aufgeführt sind. Auch der Beruf eines jeden wurde angegeben. Bemerkenswert ist, dass die meisten mehrere Berufe hatten, z. B. steht da: "Greger Weder, Schneider, Bäcker, Fleischhauer." Mit einem gewissen Stolz soll damals der Schreiber nach der Feststellung der Einwohner ausgerufen haben: "Gottlob  im Flecken Tilse seien bei die 200 wohnhaftige Deutsche und Undeutsche und noch Tag bei Tag mehr werden." Weiter hielt er es für dringend notwendig "eine Deutsche Kirch zu erbauen und darnach ein Radhaus". 

 

   Der Marktflecken entwickelte sich dank des regen Handels zwischen den nahe gelegenen Ländern rasant und platzte bald aus allen Nähten. Das war das Signal für  Herzog Albrecht alle Vorkehrungen zu treffen, um den Marktflecken endlich zur Stadt ausrufen zu können. Am Adventssonntag des 2. Dezember 1551 wurden dann im Kreise der Bürger, in der Kirche die Mitglieder des städtischen Rats und Gerichts im Beisein Herzog Albrechts gewählt. Beurkundet und besiegelt unterzeichnete aber Herzog Albrecht das so genannte Fundationsprivileg  erst m 2. November 1552.

 

   In der frisch gekürten Stadt ging es in den ersten Jahren dann noch ziemlich ungeordnet weiter.  Jeder wollte seinen Platz in der Stadt natürlich am vorteilhaftesten für sich wissen. Der Amtsdiener der Burg hatte viel zu tun, um die vielen Beschwerden und Änderungswünsche  nach Ragnit zum Komtur weiterzuleiten. Neue Bürger wurden aufgenommen und mit entsprechenden Auflagen versehen, Urteile im Rechtsstreit gefällt und Verbrechen von einem Tag auf den anderen, sozusagen im Schnellverfahren, bewiesen und sofort vollstreckt. Das hieß, ohne viel Federlesen wurde so mancher arme Sünder vom Leben zum Tode befördert.

Als Beispiel hier eine Akte aus jener Zeit:

 "Else Matthäus N. (ihr Va. Zunahme weiß sie nicht), eines Gerbers Tochter zu Schwersten, hat den 28. März i. J. 1571 in

 der Güte bekannt, dass sie ihr Kind, als sie es geboren, mit ihren Händen muthwillig zu Tode erdrückt und gewürgt hat.

 Item bekennet sie, dass sie dieses Kind zu Königsberg von Christoph Rittern, Sohne ihres Hausherrn Gregor Rittern bei

 dem sie gedienet, empfangen habe und derselbe Vater dazu sei. Dieser Übeltäterin ist auf Vorbitte Gnade erzeigt, und unter

 den 31 März 1571 hingerichtet und unter dem Galgen begraben."

Jedoch mit der Zeit begann man  die Gesetze in Preußen neu zu bearbeiten.  Nach und nach konnte sich auch Tilsit zur einigermaßen geordneten  Stadt entwickeln Nach wie vor war sie ein begehrter Wohnsitz für Fremde die auf der Suche nach einem besseren Leben waren. Aber nicht jeder wurde aufgenommen. Der Neubürger musste zum Beispiel erst Referenzen mit Brief und Siegel über sein tadelloses Leben vorlegen.  Ein unehelich geborener Mensch hatte keine Chance Tilsiter Bürger zu werden.

 

 Im Laufe der Jahrzehnte wuchs  Tilsit immer mehr zur Stadt heran. Natürlich stand sie im Vergleich zu anderen, älteren Städten noch ziemlich hinten an. Für uns wäre sie sehr fremd vorgekommen, denn sie trug immer noch das Gesicht eines Dorfes. Mehrfamilienhäuser waren so gut wie überhaupt noch nicht gebaut worden. Viele Händler  hatten neben ihrem Haus große Scheuen stehen, wo sie ihre Frachten für den Weiterverkauf untergebracht hatten. Dann besaßen sie auch Pferde, die ebenfalls ihre Stallungen und Weideplätze  brauchten.

Die Straßen waren alle noch nicht gepflastert. Die Stadt hatte kein Geld dafür. Bequem war es nicht, dort zu wohnen. Im Frühjahr, wenn die große Schneeschmelze einsetzte, waren riesige Überschwemmungen nicht zu vermeiden. Dann war es so gut wie unmöglich, bei dem aufgeweichten Boden einen Fuß  auf die Straße zu setzen. Aber das  Schlimmste war, dass durch die Überschwemmungen die frisch gebauten Häuser litten. Schnell wurden sie reparaturanfällig. Weitere neue Häuser ließen sich sehr schlecht aufbauen.

Aber desto Trotz ging der Fortschritt in Tilsit unvermindert weiter. Der 30jährige Krieg hatte für die Stadt keine Bedeutung. Aber Kriege wurden damals trotzdem immer geführt. Die Staaten Polen, Russland, Schweden, Frankreich, England, Preußen und in den deutschsprachigen Ländern, wie Österreich, Sachsen, Franken und wie sie alle hießen, standen oft in Fehde und stritten um ihr Land.

In der Zeit des Großen Kurfürsten von Preußen drangen die Schweden über die Memel nach Tilsit und Ragnit ein. Friedrich Wilhelm hatte sich gut vorbereitet und eine Bürgerwehr ins Leben gerufen, die die Burgen Tilsit und Ragnit bewachen sollte.  Aber als ganz unerwartet plötzlich die Schweden davor standen, erfüllte die Besatzung panischer Schrecken. Sie kapitulierten auf der Stelle ohne überhaupt den Angriff abzuwarten.

Den Schweden dagegen stand überhaupt nicht der Sinn nach Kampf. Sie hatten Hunger und sahen sich plötzlich ins Schlaraffenland versetzt, befanden sie sich doch im fruchtbarsten Teil von Preußen.

Ein preußischer General sammelte schließlich auf Geheiß des großen Kurfürsten die Flüchtenden wieder ein und stellte sie bei Wehlau wieder neu ein. Jetzt fühlten sich die Schweden plötzlich bedroht und verließen Tilsit und Ragnit. Doch bevor sie abzogen setzten sie noch Ragnit in Brand. Die Tilsiter hatten Glück, denn den Schweden blieb keine Zeit mehr ein Feuer zu legen.

Trotzdem gab es am 18. Januar 1679 bei dem  Tilsiter Dorf Splitter einen  Kampf zwischen den Preußischen und Schwedischen

 Soldaten. Die Schweden erlitten dabei eine große Niederlage. Sie wurden gnadenlos niedergemetzelt oder gefangen genommen.

Später erzählte man sich, dass die toten Körper Haufenweise auf dem Schlachtfeld lagen. Unter Sandhügeln wurden sie begraben.

Zu berichten wäre noch, dass der Große Kurfürst ein strenger Dienstherr war. Der Bürgerwehr von Ragnit und Tilsit war das längst zu Ohren gekommen. Jetzt erwarteten sie gottergeben mit Zittern ihre Strafe. Aber Friedrich Wilhelm war ganz ungewohnt bester Laune als er ihn Tilsit eintraf. Der große Sieg hatte ihn besänftigt. Großzügig gab es den Soldaten ihre Freiheit wieder.

 

Das 18. Jahrhundert war angebrochen. Es brachte viel Elend nach Europa. Die Pest war ausgebrochen. Auch Ostpreußen wurde davon nicht verschont. In Tilsit brachte sie ein Albrecht Hasselmann im September 1709 in die Stadt Er war mit seinem Kahn von Königsberg zum Tilsiter Markt gekommen, denn er war Kaufmann. Schon auf dem Kahn wurde er von heftigen Kopfschmerzen überfallen, erzählten seine Leute. Drei Tage später wurde dem Magistrat mitgeteilt, dass der Kranke in der Hohen Gasse bei Meister Neubert an der Pest gestorben sei. Eiligst wurden entsprechende Maßnahmen getroffen. Allerdings würde man heute nur den Kopf darüber schütteln, wie man versuchte dieser Epidemie Herr zu werden. Aber die Medizin lag noch in den Babyschuhen. So konnte man nur auf das Wissen zurückgreifen, was der Verstand eingab.

Ein Pestkollegium wurde gegründet, das über das Fortschreiten der Epidemie ständig unterrichtet werden musste, um Gegenmaßnahmen zu treffen.  Rasch entstand ein Pesthaus und als das überfüllt war, gleich ein zweites. Dorthin kamen die Kranken der mittellosen Bevölkerung. Denn die besser gestellten Bewohner wollten und mussten auch ihre Angehörigen zu Hause pflegen.

Zuerst wurden noch alle Toten nach altem Brauch beerdigt. Später, als das Sterben überhand nahm war man nur bedacht, sie schnell unter die Erde zu bringen, nicht zuletzt, weil die Ansteckungsgefahr immer größer wurde.

Bei Ausbruch der Epidemie wurde es unter Strafe zur Pflicht gemacht, dass jeder Bürger, ob groß oder klein,  täglich  in der Kirche  zum Gottesdienst zu erscheinen hatte,  um seine Sünden zu bereuen und Gott im Himmel  zu  bitten, dass er  dies Unglück von Krankheit und Tod von ihnen nehmen sollte.

Als das alles nichts half, kam man endlich zu dem Entschluss, die Gesunden von den Kranken zu trennen. Die Wohnhäuser, in denen sich Pestkranke befanden durfte kein Fremder mehr betreten. Der Verlust des Bürgerrechts wurde den Bewohnern jedes Hauses angedroht, wenn sie nicht sofort jeden Pestkranken meldeten.

 Leider war beim  Tilsiter Magistrat  das Geld noch immer zu knapp. um Straßen zu bauen. Jetzt wurde das zum Übel. Die Leute bekamen strengste Auflagen, ihre Dunghaufen vor den Hauseingängen zu entfernen und die Straßen sauber zu halten. Sicher hatte dieser Zustand von Unsauberkeit und Gestank die Pest nur noch mehr ausgebreitet.

Es gab immer mehr Tote.  Die Verbote  wurden immer drastischer. Keine Feiern durften mehr stattfinden. Das tägliche Eintreffen zum Beten in der Kirche wurde ebenfalls wegen Ansteckungsgefahr total untersagt.  Auf der Straße durfte sich keiner dem andern nähern, frei herumlaufende Hunde und Katzen wurden sofort erschossen.

Es gab keine Ärzte, die die Pestkranken behandeln wollten da zwei von ihnen  bereits auch an der Pest gestorben waren. Auch mangelte es an Pestträger. die die Pestkranken einsammeln mussten, weil die meisten davon starben und keine neue hinzukamen.  Das veranlasste sogar einmal den König dazu, einen ortsansässigen Szamaiten, der wegen Doppelehe zum Tode verurteilt gewesen war, zu begnadigen, wenn er das Amt eines  Pestträgers übernahm. 

Die Menschen verrohten zusehends. Es kam vor, dass sie ihre pestkranken, noch nicht verstorbenen Angehörigen einfach auf den Leichenwagen der Totengräber entsorgten. Auch  scheuten sich viele Diebe nicht in jene Häuser einzudringen wo bereits alle Bewohner gestorben waren, um alles für sich auszuräumen. Der Magistrat brachte daraufhin ein Gesetz heraus, dass jeder Dieb, wenn er erwischt wurde, auf der Stelle hängen musste.  Vor der Stadt war dafür bereits ein Galgen hingestellt.

Die Pest dauerte, laut Eintragung der Toten durch die Kirche,  vom 15. September 1709 bis 19. Oktober 1710. Ein Drittel der Tilsiter Bevölkerung wurde ein Opfer dieser Epidemie. Damit kam die Stadt  trotzdem noch gut weg. Denn es gab Ortschaften um Tilsit herum, die durch die Seuche total  ausgelöscht wurden. Mit seinen Toten starb auch  der Ortsname.

 

Die Pest war fast zwei Jahre vorbei, da starb Friedrich III., der seit dem 18. Januar 1701 den Titel "König Friedrich I. in Preußen" getragen hatte. Sein Sohn Friedrich Wilhelm I. <der Soldatenkönig> übernahm das Zepter.

Die Tilsiter versuchten währenddessen die Wunden der Pestjahre zu heilen. Aber die Zahl der Bevölkerung stieg nur sehr langsam. Erst unter der Herrschaft Friedrich II. <der Große>1740-1786 erreichte sie endlich wieder die Höhe wie vor der Pest.

 

Das erste, was Friedrich Wilhelm I. in Tilsit schaffen ließ, war die neue Einrichtung der Bürgerkompanien. Allerdings erwiesen sich sich im Krieg als zwecklos.

1717 erhielt die Stadt Tilsit ein Regiment Dragoner in Garnison. König August von Polen hatte es Friedrich Wilhelm I. zum Geschenk gemacht. Hocherfreut und sichtlich stolz feierten  die Tilsiter dieses Ereignis.

An weiteren Veränderungen, die auch Tilsit betrafen entfielen unter diesem preußischen Herrscher auch die Aufsicht der Domänen, die auf Befehl des Königs verpachtet waren.  Neue Kammerneinrichtungen entstanden im ganzen Land. Somit entfielen auch die Stellen der Amthauptleute. Auch in Tilsit war das der Fall. Seit der Aufhebung der Stelle wurde deshalb die Schlossfreiheit, die sich von der Tilselebrücke bis zum Dorf Preußen auf der Straße nach Ragnit erstreckte, der Aufsicht des Magistrats unterstellt.

Die Schlossfreiheiten waren landeseigenes Territorium,  immer direkt neben den Städten im Preußenland. Ins Leben gerufen wurden sie vom Hochmeister Wallenrod noch  in der Kreuzritterzeit. Der Zweck dieser Anlagen war, die Macht der Städte zu beschränken. Sie waren ohne Privilegien dem Willen der Hochmeister, Komture, später Landesfürsten und Amthauptmänner

bedingungslos unterworfen. Handwerker, die das Meisterrecht nicht erworben hatten (Böhnhasen genannt), Gewerbetreibende, die keiner Korporation angehörten und Schankwirte erhielten direkt vom Landesherrn oder seinem Stellvertreter die Erlaubnis,

ihr Gewerbe in diesen Schlossfreiheiten frei und selbständig zu betreiben. Dafür mussten sie eine jährliche Abgabe an das Schloss entrichten.

So verlockend sich das auch anhörte,  war das alles doch mit vielen  Hindernissen verbunden. Zum Beispiel:

Ein Geselle,  der in so einem Böhnhasen-Betrieb arbeitete, bekam niemals mehr in einer anderen Stadt eine Stelle als Geselle.

Alle Schankwirte wurden genötigt, den Bedarf ihrer Getränke nur aus der Schlossbrauerei zu beziehen. Das bedeutete Geldeinbuße, weil sie ein paar Schritte weiter in der Stadt viel billiger einkaufen konnten.

Ebenso erging es dem Kleinhandel. Sie mussten ihre Ware ausschließlich an das Schloss verkaufen und mit dem Preis  zufrieden sein, den der Amthauptmann oder Amtschreiber für Ihre Ware bezahlte, mit der diese dann selber Handel trieben. 

Für die Gewerbetreibende in der Schlossfreiheit war der Handel auf offenen Märkten unter hoher Strafe verboten und wurde rigoros verfolgt.

Den einzigen Vorteil zogen die Einwohner aus ihrem Wohnsitz in der Schlossfreiheit insofern, dass dort jeder wohnen durfte.

Täter, die vor einer Strafe flohen, Handwerker, die keiner Korporation angehörten und deshalb auch nicht ihre Handwerkslehre mit Zertifikat abschließen konnten, Menschen aus nicht ehrbaren Familien usw. usf.

 

Zu den Neuerungen in den Anfängen des 18. Jahrhunderts gehörte auch das Pamperhaus. Unter Mithilfe öffentlicher Stiftungen wurde es gebaut. Der Zweck dieses Hauses war, Knaben aus ärmeren Verhältnissen, die sich zum Studium, einschließlich Musikstudium, eigneten, die Chance zu geben, sich auf die Universität vorzubereiten. Sie wohnten dort und bekamen auch ihre Mahlzeiten. Am Anfang lebten dort zehn Schüler.

Auch ein lutherisches Witwenstift wurde gebaut. Dort lebten die Frauen der verstorbenen Kaufleute mietfrei.

Alles in allem, seitdem sich Stadt und Umgebung wieder von der Pest erholt hatte, ging die Zeit des Fortschritts weiter. Auch der Handel blühte wieder rasant auf. Die  Tilsiter Leinsaat war auf den Märkten der Seestädte sehr geragt. Besonders in Amsterdam.

 

Bis zur Mitte des 18.Jahrhunderts hatte sich Tilsit weiterhin verändert. Viele neue Gebäude waren gebaut worden. Die ehemalige Ordensburg allerdings war in ihrem Aussehen bescheiden geblieben, also weiterhin keine Konkurrenz für Schlösser und Burgen im Westen des Deutschen Reiches. Das bereits renovierungsbedürftige Rathaus, inmitten der mit großen Pflastersteinen neu gestalteten Deutschen Gasse (Deutsche Straße) passte eigentlich nicht mehr in die neue Zeit, denn Tilsit mauserte sich mehr und mehr zur gepflegten Stadt.  Rechts und links der Straße hatten die Äcker den  Gehöften und Stallungen Platz gemacht, um den Kaufleuten, die auf dem Markt  ihre Ware feilboten, genügend Unterkunft zum Übernachten mit ihren Pferden bereit zu stellen.

Die Hohe Gasse (Hohe Straße) dagegen fiel deutlich schmaler aus. Auch die Pflastersteine waren kleiner. Aber das hatte auch seinen Grund. Während die Deutsche Gasse unverkennbar die Handschrift einer damaligen Handelsstadt mit ihren Speichern und großen Behältern für das Getreide trug, vermittelte die Hohe Gasse das geschäftige Leben einer sympathischen, gepflegten Stadt, in der es sich gut leben ließ.  Hinter den Häusern waren ansprechende Gärten von fleißigen Händen angelegt worden. Überhaupt machte dieser ganze Stadtteil den Eindruck, das Magistrat und Einwohner gut zusammen arbeiteten, um den Aufenthalt in dieser Stadt ins beste Licht zu rücken.

Hinter dem Deutschen und Hohen Tor befand sich bereits eine Siedlung mit kleineren Häusern, in denen Handwerker und weniger bemittelte Leute wohnten. 1858 wird hier die Tilsiter Dichterin Johanna Wolff geboren werden.

Die Deutsche Kirche befand sich am oberen Ende der Deutschen Gasse. Sie besaß eine bemerkenswerte Orgel auf die die Tilsiter sehr stolz waren. In der Kirche befanden sich einige Gedenktafeln, wovon eine davon auch für den damals berühmten Hauptmann von Kilitz gestiftet worden war, der dann auch später, im Jahre 1602,  hier  in der Kirche als erster Toter begraben wurde.

Gegenüber der Deutschen Kirche stand die Litauische Kirche, weil hier in und um Tilsit herum viele Litauer lebten. Neben der Kirche befand sich auch das Schulgebäude für litauische Kinder.

Interessant ist es noch zu erwähnen, dass sich in Tilsit zu jener Zeit mehr Kirchen als Schulen befanden. Das bedeutete, dass der Glauben weitaus wichtiger was als jede Schulbildung.

Die Stadt wurde immer größer und schöner. Am 5. Juni 1752 wurde das alte Rathaus abgerissen und drei Jahre später stand endlich das viel schönere auf seinem Platz. Die Tilsiter feierten vom 2.- 5. November 1755 das Einweihungsfest mit allem den damals üblichen Attraktionen. Alle Behörden, Zünfte, Handwerker, Kaufleute beteiligten sich an dem Fest. Trotzdem es ja bereits Winter in Ostpreußen war kamen die Leute aus allen Gegenden, ob mit dem Pferdefuhrwerk oder zu Fuß. Es wurde wahrhaftig ein rauschendes Fest.

 

Man könnte fast glauben, die Tilsiter hätten geahnt, dass das große Einweihungsfest des Rathauses das letzte Vergnügen für

lange Zeit gewesen war. Denn schon flammten Gerüchte auf von einem bevorstehenden Krieg.  Und richtig, ein Jahr später, 1756,  begann der 7jährige Krieg. In Tilsit begann man mit der Instandsetzung der Befestigungsmauern. Die Menschen, die inzwischen zu Reichtum gekommen waren, deponierten schnell ihre Schätze vorsichtshalber an einem sicheren Ort.

Aber die Besetzung von Tilsit  zog sich noch Ende Juni hin 

Der Einzug der Russen  in Tilsit spielte sich folgendermaßen ab:

Am 31 Juni 1756 rückte eine Abteilung Kosaken, von einem Trupp Husaren begleitet, in die Stadt ein. Sie hatten den Befehl, die Straßen nach Königsberg, Insterburg und Ragnit auszukundschaften. Bald folgten Infanterie und Artillerie, an der Spitze

General Manteuffel. Er ließ eine Nachricht vorausschicken, dass sich auf seinen Befehl hin die Bürgerschaft und alle Rathausmitglieder sofort im Rathaus einzufinden haben.

Als Manteuffel das Rathaus betrat, waren alle anwesend. Unter Waffen mussten sie den Treueid ablegen. Danach fand unter den Tilsitern ein Gottesdienst statt. Darauf folgend wurde das Tedeum angestimmt. Alle männlichen Tilsiter Bewohner über 14 Jahre alt  mussten ebenfalls den Treueid leisten.

Die Hauptwache blieb stark besetzt. Geschütze davor demonstrierten allen Bewohnern der Stadt den Ernst der Lage.

Auch die Männer der gesamten litauischen Gemeinde mussten den Treueid schwören. Die preußische Garnison von Memel, die sich bereits am dritten Tag nach der Erstürmung ihrer Stadt  ergeben hatte, wurde nach Tilsit gebracht und entwaffnet. Danach mussten die Soldaten den feierlichen Eid schwören, dass sie  in den folgenden  zwei Jahren keinem der Feinde von Zarin Elisabeth  dienen wollten. Dann bekamen sie ihre Freiheit wieder. 

Tapfer stellten sich die preußischen als auch die russischen Soldaten dem Kampf während der nächsten Zeit. Es gab viele Verwundete und Tote auf beiden Seiten.

Auch Grausamkeiten von Russen gegen die preußische Zivilbevölkerung gab es hier und da. Der russische Befehlshaber Apraxin zum Beispiel gehörte zu ihnen. Eines Tages, als die russische Armee sich über die Memel zurückziehen musste und Apraxin selbst in Begleitung der höchsten russischen Offiziere die Stadt Ragnit und ihre Umgebung in Augenschein nahm, war dies für diese Stadt ein Tag voller Schrecken. Preußische Husaren und russische Kosaken lieferten sich ein Scharmützel. Die Kosaken plünderten, misshandelten die Bewohner und zündeten sogar ihre Häuser an. Genauso trieben sie es auch mit den Dörfern um die Stadt herum. Ihre Beute luden sie auf Wagen, trieben das Vieh mit sich und ab ging es durch Tilsit gen Russland. Die Einwohner von Tilsit bekamen den ganzen Zorn von Apraxin zu spüren. Er befahl der gesamten Tilsiter Bürgerschaft, sich vor dem Rathaus einzufinden. Dort gab er öffentlich bekannt, welche Strafe die Ragniter mit Recht bekommen hatten.

Bemerkenswert ist, dass die Zarin Elisabeth ihren Segen und 1383 Rubeln für den Weiterbau  der litauischen Kirche in Tilsit gab. Der Bau  der Kirche war 1756 begonnen worden und bei Ausbruch des  Krieges unterbrochen worden. Nun ging es forsch weiter. Allerdings bekam sie das Aussehen und die Ausstattung nach griechischem Ritus. Damit gab die Zarin deutlich zu erkennen, das sie nicht vorhatte, Tilsit wieder an Preußen zurückzugeben.

Der Handel, der während des Ausbruchs des Krieges für ein Jahr fast ganz unterbrochen war, entfaltete sich von neuem  unglaublich stark. Tilsit glich wieder einer Stadt wie zu Friedenszeiten.

Dieser Zustand dauerte bis 5. Mai 1762 an. An diesem Tag gab Zar Peter III., Nachfolger von Zarin Elisabeth, die am 5. Januar

1762 verstorben war, dem König von Preußen alle von den Russen besetzten Städten in Ostpreußen zurück. Auch Tilsit durfte an diesem Glück teilnehmen,denn Katharina die Große, Peters Gemahlin, die einen Monat später neue Zarin wurde, wahrte weiterhin stillschweigend den Frieden.

Somit war für Tilsit schon ein Jahr früher der "Siebenjährige Krieg" endgültig zu Ende.

 

Nach dem Siebenjährigen Krieg konnte auch Ostpreußen endlich wieder mit den anderen Völkern in Frieden leben. Mit Genugtuung wurde das  wichtige Geschenk registriert, dass der regierende preußische König Friedrich II. der Große, seinen Untertanen 1784 zuteil werden ließ. Es war das Allgemeine Preußische Landrecht, eines der vorzüglichsten Gesetzbücher, dessen sich ein Staat damals rühmen konnte.  Ab dieser Zeit erloch das Amt des Oberburggrafen in Preußen, der als Adliger gern Städte und Gemeinden immer wieder zu unterjochen gesucht hatte.

Tilsit befand sich weiterhin ungebremst im Aufschwung. Die Ausfuhr der Leinsaat und viele andere Waren waren um fast das Doppelte gestiegen. Die Einwohner der Stadt hatten sich auf 9000 vermehrt.

Der Tod beendete die Herrschaft Friedrichs des Großen 1786. Sein Sohn, Friedrich Wilhelm II. übernahm sie. Ein Jahr später empfing er die Huldigung im Königsberger Landtag. Viel hatte er in seiner elfjährigen Regierungszeit nicht vollbracht. In Ostpreußen allerdings verdankten ihm die Bürger dennoch eine wichtige Einrichtung. Er führte das Gestüt ein.

 

Friedrich Wilhelm III. übernahm, nach dem Tod seines Vaters, 1797 die Regentschaft. Er war ein wortkarger, oft in sich gekehrter Herrscher und alles andere als ein Freund des Luxus. Sparsamkeit lautete seine Devise. Seine Gemahlin war die vielgeliebte Königin aller Tilsiter. Immer wenn Königin Luise mit ihrem Ehegemahl und Gefolge durch Tilsit  reiste, wurde sie von der Bevölkerung stürmisch begrüßt.

König Friedrich Wilhelm III. tat sich schwer mit dem Regieren. Die Last des streitsüchtigen Napoleons drückte auf seinen Schultern. Mit Zar Alexander I. von Russland, ein besonderer Freund des Königspaares, kämpfte er gegen Napoleon. Aber sie  hatten keine Chance gegen den allmächtigen Herrscher Frankreichs.

Auch Tilsit wurde unmittelbar von diesem Krieg betroffen. Denn dort wurde nach der verlorenen Schlacht der Friedensvertrag zwischen diesen drei Regenten ausgearbeitet und auch beschlossen. Für Tilsit war diese Zeit die entbehrungsreichste seit ihrem Bestehen. Napoleon, feindlich gesinnt gegen Preußen, kannte kein Entgegenkommen.  Jedes Haus für die Einquartierung seiner Soldaten wurde besetzt. Für die Hausbewohner blieb kaum ein Plätzchen zum Schlafen übrig. Mit den Lebensmitteln war es genauso. In der französischen Küche herrschte gewohnte Verschwendungssucht, für die die hungernde Bevölkerung gerade stehen musste.

Zar Alexander versuchte das Beste aus seinem verlorenen Krieg zu machen. Er freundete sich mit Napoleon an, was diesen überaus schmeichelte. Täglich machten die beiden am Abend ihren Spaziergang durch die Straßen der Stadt. Zwischen dem preußischen König und dem französischen Kaiser dagegen, gab es keine Annäherung. Der gegenseitige Hass blieb unüberbrückbar. Das hinderte Napoleon aber nicht, die schöne Gemahlin des preußischen Regenten Königin Luise endlich einmal ganz persönlich kennen zu lernen. 

Luise nahm Napoleons  Einladung an, wenn auch zuerst widerwillig. Aber  dann tat sie es ausschließlich für ihr Vaterland.

Doch sie hatte auf Sand gebaut. Am Abend nach ihrem gemeinsamen Treffen schrieb Napoleon an seine Gemahlin unter anderem:

"Die Königin von Preußen ist wirklich charmant, sie ist voller Koketterie für mich, aber sei nicht eifersüchtig. Ich bin eine gewachste Person, von der alles abgleitet. Es würde mir teuer zu stehen kommen, den Liebenswürdigen zu machen."

 

Gleich darauf wurde der Friedensvertrag  (07.07.1807) zwischen Frankreich und Russland auf einem Floß, hergerichtet mit einem königlichen Pavillon darauf, mitten auf der Memel zwischen den beiden Herrschern Napoleon und Zar Alexander I. unterzeichnet. Der preußische König befand sich nicht auf dem Floß. Der Vertrag mit Preußen wurde erst auf dem 9. Juli festgesetzt, den Tag der Abreise der beiden Kaiser.

Friedrich Wilhelm III. von Preußen war ein geschlagener Mann Er stand nach dem Abzug Napoleons aus Tilsit vor den Trümmern seines Reiches. Fast die Hälfte seiner Länder einschließlich Bevölkerung hatte er eingebüßt. Und das, was er  behalten durfte, befand sich immer noch in den Händen eines ihm feindlich gesinnten Mannes.

Nach dem Abzug der französischen Truppen gab es ein wenig Erholung. Im darauf folgenden Herbst konnte die Stadt endlich ihre Verluste prüfen. Eine undankbare Aufgabe, die ein ganzes Jahr dauerte. Vieles ging noch drunter und drüber. Aber das Leben musste weitergehen. Also rafften sich die Tilsiter langsam wieder auf.

Friedrich Wilhelm III bemühte sich, trotz des großen Landverlustes, das, was ihm geblieben war, Preußen am Fortschritt der Zeit durch notwendige Reformen teilhaben zu lassen. Am 6. Februar 1809 wählten sämtliche wahlberechtigte Einwohner aller Bezirke in angewiesenen Lokalen 40 Stadtverordnete und 15 Stellvertreter. In Tilsit wurde der bereits in seinem Amt tätige Bürgermeister Tilly weiterhin für das Amt bestätigt. Als Veränderung wurde der Magistrat mit dem Stadtsekretariat vereinigt und dem Justizassessor Ungefug übertragen. Den Stadtkämmereiposten erhielt Ratsherr Albrecht. Ein weiteres wichtiges Ereignis brachte der 11. November 1810. Mit einem großen Dankfest wurde die Aufhebung der Erbuntertätigkeit gefeiert.

Er Jahr später betrauerten die Tilsiter den völlig unerwarteten Verlust ihres geliebten Bürgermeisters Tilly. Er hatte sich stets überaus für seine Tilsiter eingesetzt und immer ein offenes Ohr für ihre persönlichen Sorgen gezeigt.

 

Allmählich kehrte der gewöhnliche Alltag wieder ein. Langsam schloss sich die Wunde der Erniedrigung, die der französische Feind den Tilsitern angetan hatte. Aber schon brach eine neue auf. Die Kunde  vom Tod ihrer geliebten Königin Luise am 19 Juli 1810. Ganz Tilsit versank in tiefe Traurigkeit. Für die Bevölkerung war klar, ihr Herz  war vor Kummer über das Leid, das Napoleon über Preußen gebracht hatte, gebrochen. Mit großer Anteilnahme veranstalteten sie Ihre Trauerfeier. Dabei wurde die Trauer um die tote Königin unter den Tilsitern so stark, dass sie die Wirklichkeit nicht akzeptierten. Schnell entstand das Gerücht, die Königin habe sich vor der Verfolgung Napoleons retten wollen und sei in Wirklichkeit nach Petersburg geflohen.

Noch 1813, als Zar Alexander auf der Durchreise in Tilsit erwartet wurde, glaubten viele fest daran, dass er  Königin Luise mitbringen werde. 

Jahr um Jahr verging. Noch lange hatte Preußen, und damit auch Tilsit,  unter die Ausbeutung der französischen Besetzung zu knabbern. Doch trotzdem durfte der Fortschritt nicht stehen bleiben Unentwegt wurde die Modernisierung des Schulwesens vorangetrieben. Napoleon wunderte sich sehr, bei einer seiner Reisen durch Königsberg, dass die Verwaltung des preußischen Staates noch so viel Geld zum Bau der dortigen Sternwarte erübrigen konnte. Auch die Tilsiter Provinzialschule wurde umgeformt. Erst später erfolgte die Einweihung zum königlichen Gymnasium.

 

Inzwischen war Tilsit auf zehntausend Einwohner herangewachsen. Langsam verloren sich die Spuren der Verwüstung Damit war Tilsit endgültig für die Weltgeschichte uninteressant geworden. Was die wirtschaftlichen Verhältnisse Preußens anbetraf, gab es noch lange keinen Grund zu jubeln. Deshalb stieg sicher auch die Einwohnerzahl der Stadt Tilsit nicht nennenswert.

Zum Beispiel vermehrte sie sich von 1816 bis 1852 nur um 3201 Personen. Nach der letzten Zählung in diesem Zeitraum hatten dort insgesamt 13 748 Menschen ihren Wohnsitz.

 

Das 20. Jahrhundert brach an. Mit übermütigen Feiern hießen es die Tilsiter  willkommen. Für sie sah die Zukunft rosig aus. Nach der Besetzung Napoleon 1807 war es langsam aber stetig  aufwärts gegangen. Nun war die Stadt viel größer und schöner geworden. Auch politisch war für sie alles in Butter. Zwar gehörte Preußen jetzt zum Deutschen Reich, in dem Kaiser Wilhelm I regierte, aber für Tilsit war das einerlei. Ob Preußen oder Deutsches Reich. diese Grenzstadt  gehörte nach wie vor zu Ostpreußen und somit auch zum Deutschen Reich.

Jetzt präsentierte sich die Stadt mit den modernsten Errungenschaften der Zeit. Die verschiedensten staatlichen Behörden hatten hier ihren Sitz. Tilsit hatte bequeme Schnellzugverbindungen nach Berlin, Danzig Posen, Breslau und Memel. Überhaupt  war sie der Knotenpunkt verschiedener Eisenbahnlinien. Auch die Schifffahrtsverbindungen nach Russland, Litauen, Königsberg, zum Haff und  an die Ostsee konnten sich sehen lassen. Es gab gediegene Hotels mit klangvollen Namen,

wie zum Beispiel Hotel de Petersbourg, Hotel Prinz Albrecht, Kaiserhof und mehr. Auch an Jugendherbergen und Privatpensionen fehlte es nicht. Eine elektrische Straßenbahn verkehrte ebenfalls in der Stadt.

Neben den üblichen städtischen Einrichtungen wie Feuerwehr, Polizeibehörde, Gasanstalt, Elektrizitätswerk, einer Desinfektionsanstalt und einem chemischen Untersuchungsamt hatte die Stadt auch ein modernes Kanalisations- und Klärwerk. Schlachthof und Markthalle waren eine Selbstverständlichkeit.

Eine Heilanstalt für Lungenkranke befand sich ebenfalls in Tilsit. Sämtliche Behandlungsmethoden der modernen  Wissenschaft wurden dort angewandt. Es gab staatliche und private Krankenhäuser, jede Menge Arztpraxen und sonstige ärztliche Einrichtungen.

Ingesamt elf Kirchengemeinden mit ihren Gotteshäusern gab es für die Gläubigen dieser Stadt.

Die Förderung der Kunst war Ehrensache . Es gab ein Stadttheater, Bürgerhaus und mehrere Kinematographentheater (Kinos).

Liebhaber ernster Musik hatten Gelegenheit, Künstler- und Symphoniekonzerte zu besuchen. Mehrere Gesangvereine wetteiferten, der Lieblingschor beim Publikum zu sein. Zwei Militärkapellen und eine private Combo sorgten für gesellige Stunden. Von Zeit zu Zeit gab es Musikfeste.

Auch der Sport wurde ganz groß geschrieben. Für Turnen, Schwimmen, Rudern, Segeln gab es spezielle Klubs. Tennisturniere,

Wettkämpfe der Faust und Fußballvereine wurden veranstaltet. Sogar Ballonfahrten bis weit nach Russland hinein fanden jährlich statt.

Auch im Winter gab es genug Zeitvertreib. Rodel- und Schlittschuhbahnen, ja sogar im Skifahren konnte man sich auf den Sportplätzen schon mal für die Urlaubszeit in den Bergen üben.

Natürlich sorgten die Stadtväter auch dafür, dass der Geist nicht zu kurz kam. Es gab genug Volksschulen, Real- und Gymnasien. Auch die Handelsschulen fehlten nicht. Ferner gab es noch  ein Konservatorium für Musik, Zeichnen und Malen.

 

Besonders stolz waren die Tilsiter auf ihre Garnison. Diese bestand aus  dem I. und III Infanterieregiment von Boyen Nr. 41, dem Dragonerregiment Prinz Albrecht von Preußen  sowie einer Maschinengewehr-Abteilung. Die Stärke der Garnison belief sich auf 2000 Mann.

Ihr Brot verdienten sich die Tilsiter Hauptsächlich in der Zellstofffabrik. in der Schneidemühlindustrie sowie in der Chromleder- und Seifenfabrikation. Handel und Industrie bedingten den Wohlstand der Stadt. Dass es auch so blieb, dafür sorgten die bedeutenden Hafen- und Kaianlagen.

Für gesellige Stunden beim Umtrunk sorgten die Brauereien.

Den Tilsiter Käse kannte man fast auf der ganzen Welt.

Fischmärkte und Wochenmärkte sorgten für das leibliche Wohl. Berühmt war auch der Jahrmarkt im Oktober, der eine ganze Woche dauerte und auch der Pferdemarkt, der bis weit in Russland hinein bekannt und gut besucht war.

Zweifellos ging es der Tilsiter Bevölkerung gut. Natürlich gab es auch arme Bürger, die für ihr tägliches Brot hart arbeiten mussten, aber die Zeiten waren eben so damals am Anfang des 20. Jahrhu8nderts. Wer aber fleißig, sparsam und wendig war, wer es verstand alle Möglichkeiten seines Arbeitsleben zu seinem Besten zu nutzen, dem war auch das Glück hold, sein Leben

entsprechend besser zu gestalten als nur am Hungertuche nagen zu müssen.

 

Das alles hätte in Tilsit so weitergehen können, hätte es keine Kriege auf der Welt gegeben.

Mit dem 1. Weltkrieg, der keinen Sieg für Deutschland brachte,  fing das Elend der neuen Zeit für die Tilsiter an. Noch hielten sie die dunklen Wolken über ihren Heimatland für harmlos. Ostpreußen war die Kornkammer Deutschlands. Trotz

der politischen Unruhen, verhungern werden sie bestimmt nie. So dachten die Tilsiter Bürger voller Zuversicht und tatsächlich,

als aus dem Sumpf der Politik plötzlich ein Adolf Hitler auftauchte und großspurig Optimismus verteilte, war für sie die

Welt wieder in Ordnung. Es ging wieder aufwärts. Und tatsächlich, Deutschland stand in neuer Blüte. Es wurden Autobahnen gebaut, die Arbeitslosigkeit wurde abgeschafft, jede Familie hatte endlich genug zu essen und konnte sich sogar einen Urlaub leisten.

Aber der Mensch auf der Welt bekommt nichts umsonst in seinem Leben. Die Rechnung wird ihm eines Tages präsentiert werden. Hitler hatte von vornherein mit der Dummheit seiner Untertanen gerechnet. Mit Speck fängt man Mäuse. Als wir Deutschen, oder besser gesagt unsere Eltern und Großeltern das merkten war es zu spät. Denn Hitler wollte nichts anderes als nur die Welt erobern. Und dazu brauchte er den zweiten Weltkrieg. Doch auch für ihn ging die Rechnung nicht auf. Und das Ende vom Lied? Rigoros nahm er das ganze deutsche Volk mit in  den Untergang. Uns Ostpreußen traf es besonders schwer. Wir mussten für seinen Größenwahn unsere Heimat für immer aufgeben. Nur mit einem Koffer voll Handgepäck wurden wir vertrieben. Unzählige mussten  dabei um ihr nacktes Leben laufen, das doch letzten Endes vergeblich sein musste. Die anderen, die noch lebten, hatten keine Zeit, um ihre toten Angehörigen zu trauern. Sie mussten ihr eigenes Leben retten. Nur Tiere, Wind und Wetter der Heimat waren bei den Leichengesängen dabei und schaufelten die Gräber.

 

Heute ist eine andere Zeit angebrochen. Besser ist sie trotzdem nicht geworden. Es gilt immer noch. Jeder muss erst am

  eigenen Leib das ganze Elend zu spüren bekommen. So lange das nicht geschieht, wird es immer verharmlost werden.

 

 

E n d e

 

 

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